Samstag, 4. Januar 2014

beauty

Deutlich zeichneten sich ihre Brustwarzen unter dem zerschnittenen Bandshirt ab und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Ihr linker Zeigefinger fuhr langgestreckte Bahnen auf ihrem rechten Handrücken, ihr Blick war auf die laut tickende Uhr gerichtet.
Ich stand auf, drehte die Schallplatte um und wartete bis Led Zeppelin unter dem Knistern ertönte. Dann riss ich die Kühlschranktür auf, nahm zwei Bier heraus und lehnte mich gegen die Küchenleiste, während ich den Kühlschrank wieder schloss. Ich öffnete eine der Flaschen und hielt sie ihr hin.
»Willst du auch eins?«
»Nee, ein Tee wär´ mir lieber.« sagte sie und schaute verträumt auf den Plattenspieler. Ich nahm einen Schluck aus der Flasche und goss ihr aus der Kanne eine Tasse voll Tee.
»Wollen wir schon raus?« fragte ich und sie nickte zur Antwort ihren Kopf. Sie warf ihre Strickjacke über und sah mich vorwurfsvoll an.
»Willst du dir nicht auch was überziehen?«
»Ach, geht schon.«
Ich nahm die Decke vom Stuhl und klemmte mir mein Bier unter den Arm, während sie die Balkontür öffnete und auf das Geländer kletterte.
Es war eisig kalt draußen und kurz bereute ich meine Entscheidung nur in Shirt und Jogginghose zu sein, legte ihr die Decke über die Schultern und setzte mich neben sie.
»Alles okay?« fragte ich.
Sie schaute starr zwischen die kleine Lücke der Neubauten über die Baumkronen des Parks hinweg in die vollkommene Schwärze der Nacht. Ihre ungewaschenen Haare waren zottlig zu einem Knäul auf ihrem Kopf gebunden. Kleine weiße Perlen zierten ihre Ohren und die silberne Kette, die ich ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte, umspielte ihren Hals und die hervorstehenden Schlüsselbeine.
»Meinst du es wird besser?« fragte sie und ich wusste genau was sie meinte.
Immer wieder klagte sie über Gefühlslosigkeit und innere Leere, die ich nie gespürt hatte. Dutzende Male hatte ich in ihren Augen gesehen wie sie versuchte die aufkommenden Tränen wegzulächeln und den Kampf oft genug verlor. Es gab Tage an denen sie mit niemandem sprach und es kaum aus dem Bett schaffte. Es gab Tage an denen sie mich anschrie und dann weinte, weil sie es nicht so gemeint hatte. Weil da irgendetwas in ihr drin nicht richtig funktionierte. Aber manchmal war sie das fröhlichste Mädchen, das ich kannte. Wir liefen durch die Stadt und aßen Eis, lachten zusammen, gingen spontan auf Konzerte oder saßen auf dem Geländer unseres Balkons, hörten meine alten Schallplatten durch die offene Tür und tranken Bier. Und doch war die letzte Zeit schwer gewesen. Die guten Phasen waren kurz und der Abstieg immer schlimmer. Heute war sie nur aufgestanden, weil sie wusste, es würde mir eine Freude machen. Aber ich sah die Leere in ihren Augen und den Krieg, den sie im Innern führte.
»Ich weiß es nicht.« sagte ich.
»Ich verstehe  nicht, warum die Menschen an Silvester so ausgiebig feiern und glücklich sind, dass das Jahr vorbei ist. Es ist nur ein Jahr. Ein Blatt am Kalender, das sich verändert. Es ist nur ein neues Jahr, kein neues Leben. Die Probleme sind doch deshalb nicht verschwunden. Nein… sie bleiben trotzdem.«
»Aber vielleicht ist es ein Spiel. Eine Chance der Wirklichkeit zu entfliehen und sich das Leben etwas besser zu machen.« war das einzige was ich sagen konnte, weil ich wusste, wie sehr sie recht hatte.
Und dann saßen wir schweigend da und starrten über die Baumkronen hinweg in den Himmel. Ich legte meinen Arm um sie und als das Feuerwerk am Himmel aufleuchtete, stieß ich meine Bierflasche gegen ihre Teetasse und flüsterte »Frohes neues Jahr meine Liebe.«
»Ja, frohes neues Jahr mein Schöner.« sagte sie und ich bin mir sicher, ihr Lächeln war echt.

Kommentare:

  1. wow... das ist wunderschön

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  2. Ist auch ein bisschen Wahrheit dabei oder hast du es dir komplett ausgedacht? =)

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    1. Der Kern ist wahr, aber ansonsten ist meine Fantasie wieder mit mir durchgegangen. :-)

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  3. Die Geschichte ist und bleibt wundervoll =) Ich bewundere dich sehr für diese gute Idee. Allgemein sind deine Ideen immer außergewöhnlich. Deshalb ist es auch selbstverständlich, dass ich deinen Blog lesen :>

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